Michael Ehn

Ein Kind seiner Zeit. Erich Eliskases (1913-1997)

Es ist das Schicksal vieler großer Schachmeister, die nicht um die WM-Krone kämpften, daß ihre Persönlichkeiten und Leistungen allmählich vergessen werden, bis sie zuletzt von der Geschichte völlig verschlungen werden. Genauso geschah es mit Erich Gottlieb Eliskases (15. 2. 1913 Innsbruck, Österreich - 2. 2. 1997 Cordoba, Argentinien). Wer weiß heute noch, daß Eliskases der letzte bedeutende österreichische Schachspieler der Zwischenkriegszeit und eines der größten natürlichen Talente des Schachs war, ja sogar für kurze Zeit als WM-Kandidat gehandelt wurde? Aber nicht nur deswegen ist sein Schicksal wert, vor dem Vergessen bewahrt zu werden - seine Biographie, die eng mit den globalen politischen Ereignissen des 20. Jhdts. Verknüpft ist, wirft Fragen auf, die weit über seine Person und über das Schachspiel hinausgehen.

Seine ersten Schachjahre lesen sich wie der Anfang eines Romans: Niemand in seiner Familie beherrschte das Schachspiel; sein Vater war Schneidermeister, die Familie ladinischer Herkunft. Durch „Zufall“ kam der Zwölfjährige mit dem Spiel der Spiele in Kontakt und interessierte sich sofort lebhaft dafür. Schon ein Jahr später versuchte er in die Innsbrucker Schachgesellschaft einzutreten, wurde aber für zu jung befunden. Hingegen fand er in Carl P. Wagner, einem Innsbrucker Schachspieler, einen väterlichen Freund und Lehrer, der sein ungewöhnliches Talent erkannte. Mit vierzehn Jahren, 1927, spielte Eliskases im Schachklub „Schlechter“ sein erstes Turnier und erreichte auf Anhieb den geteilten ersten Platz. Ein Jahr später, also mit fünfzehn, trat er zur Tiroler Landesmeisterschaft an und gewann sie überlegen (7 Punkte aus 8 Partien!). Somit hatte er die Berechtigung erworben, 1929 am österreichischen Amateur-Meisterschaftsturnier teilzunehmen, das zufällig in Innsbruck stattfand. Das Ergebnis war eine weitere Sensation: Eliskases teilte mit Esra Glass den ersten Platz (+5=3-1) und hatte somit als jüngster Spieler aller Zeiten den österreichischen Meistertitel erworben. Zu dieser Zeit besuchte der Tiroler noch die Innsbrucker Handelsakademie - er soll ein überdurchschnittlich guter Schüler gewesen sein, der in keinem Fach besonders hervorstach. Gegen den Widerstand einiger Wiener Funktionäre entsandte man den Jüngling zur Schacholympiade nach Hamburg, wo er sich glänzend bewährte: Mit 73,3% (+8=6-1) erzielte er das beste Resultat aller Österreicher und war der Hauptverantwortliche dafür, daß die österreichische Mannschaft den ausgezeichneten vierten Rang erreichte. Er schaffte das Abitur mit Auszeichnung und übersiedelte dann nach Wien, um ab dem Wintersemester 1931/32 an der Hochschule für Welthandel zu studieren. Doch das Schachspiel hatte bereits völlig von ihm Besitz ergriffen: „Eli“, wie ihn seine Freunde nannten, trat dem Schachklub „Hietzing“ bei und hatte sofort einen kleinen Wettkampf mit dem Lokalmatador GM Ernst Grünfeld zu absolvieren, den er knapp verlor. Die Rivalität zwischen den beiden kennzeichnete die nächsten Jahre, schlußendlich ergab sich ein doch deutliches Übergewicht zugunsten von Eliskases. Er begann bei der „Wiener Schachzeitung“, damals eines der führenden Organe der Welt, mitzuarbeiten, die er nach dem Abgang Albert Beckers 1936, als Chefredakteur betreute. Dies erwies sich für ihn als gute Schule - sogar Exweltmeister Emanuel Lasker bemerkte einmal, daß Eliskases die tiefschürfendsten Analysen mache. Daneben begann er bereits ab 1928 Fernschach zu spielen, wo er ebenfalls große Erfolge erzielte - so den dritten Platz im Dr. Dyckhoff-Gedenkturnier 1932, einer Art inoffiziellen Weltmeisterschaft.

1932 kam der große internationale Durchbruch: Der Linzer Schachverein veranstaltete zur Feier seines 25-jährigen Bestehens einen Wettkampf auf zehn Partien zwischen Österreichs damaliger Nr. 1, GM Rudolf Spielmann, und dem jungen Tiroler. Erich Eliskases blieb nach dramatischem Kampf mit +3=5-2 Sieger und konnte sich nun inoffiziell als „österreichischer Vorkämpfer“ betrachten, obwohl Spielmann erklärte, er habe eine falsche psychologische Einstellung gehabt und seinen jungen Gegner unterschätzt. Zwei weitere Wettkämpfe zwischen den beiden folgten: 1936 offiziell um die österreichische Vorkämpferschaft - wieder siegte Eliskases +2=7-1, und abermals im Rückwettkampf 1937 +2=8-0. Eliskases Vorherrschaft im österreichischen Schach war seit 1932 unumstritten. Der Stil des Tirolers war von Anfang an außerordentlich zäh und umsichtig. Er bewahrte eiserne Ruhe selbst in schwierigsten Lagen, sein Stil war von unerbittlicher Zweckmäßigkeit, schnörkellos, weder „verdrehte Neuerungen, noch Opferträume, noch Kopfstehen“, ließe sich in seinen Partien finden, wie Hans Kmoch schrieb. In den dreißiger Jahren spielt er in vielen stark besetzten Turnieren, es sind die Jahre des Aufstiegs in der internationalen Schachwelt (es sei nur sein stets gutes Abschneiden bei Olympiaden - z.B. Warschau 1935, wo er fast im Alleingang die österreichischen Punkte machte - und der geteilte Sieg mit Lajos Steiner im Trebitsch-Gedenkturnier 1936 hervorgehoben). Beim Eliteturnier am Semmering schaffte er zwar nicht die 50%-Marke, hatte aber die Genugtuung, sowohl den 21- jährigen Sieger Paul Keres als auch den kubanischen Exweltmeister José R. Capablanca in dessen Domäne, dem Endspiel, zu besiegen. Im selben Jahr fungierte er als Sekundant Alexander Aljechins in dessen Retourwettkampf mit Max Euwe. Aljechin, überglücklich wieder seinen Titel zurückerobert zu haben, schenkte seinem jungen Sekundanten eine goldene Zigarettendose (Hans Kmoch, seinem Sekundanten im erfolgreichen WM-Kampf gegen Ewfim Bogoljubow 1934 soll er hingegen ein kleines Gulasch spendiert haben).

Nun aber folgen seine zwei erfolgreichsten Jahre, die mit dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich zusammenfallen: 1938 und 1939. Etwa um diese Zeit dürfte Eliskases bemerkt haben, daß sein Stil zu vorsichtig war, um größere Erfolge zu erzielen und er versuchte nun erfolgreich, aggressiver zu spielen: In Noordwijk 1938 erringt er seinen größten Erfolg, indem er den ersten Preis (+6=3-0) davonträgt, noch vor Paul Keres und Max Euwe. Das Endspiel gegen Paul Keres ging um die ganze Welt. Es folgte eine unglaubliche Erfolgsserie: Eliskases gewinnt sechs stark besetzte Turniere, jedesmal mit klarem Vorsprung: die deutsche Meisterschaft in Bad Oeynhausen 1938, das Turnier in Krefeld 1938, Bad Oeynhausen 1939 (wiederum deutsche Meisterschaft), Bad Elster 1939, Bad Harzburg 1939 und das Wiener Wertungsturnier 1939. Im selben Jahr gewinnt er gegen den stärksten „reichsdeutschen Spieler“, den gebürtigen Russen Ewfim Bogoljubow, einen Wettkampf mit +6=11-3. Er wird nun als seriöser Weltmeisterschaftskandidat angesehen und wird zum Aushängeschild des Großdeutschen Schachbundes (GSB), von dessen Ideologie er sich völlig vereinnahmen ließ. Sichtlich gefiel er sich in der Rolle des „aufrechten deutschen Mannes“, der dem „deutschen Kampfschach“ Weltgeltung verschaffen wollte und sich besonders für die „Reinheit“ der deutschen Sprache einsetzte (ein Ziel, das er übrigens bis an sein Lebensende verfolgte - siehe z.B. seine Übersetzung der Biographie David Bronsteins von Roman Toran 1962 aus dem Spanischen ins Deutsche). Trotz dieses steilen Aufstiegs wird er als stets höflicher, angenehmer Mensch ohne jegliche Starallüren geschildert. Der GSB setzte höchste Hoffnungen ihn in. Sogar Weltmeister Alexander Aljechin bezeichnet Eliskases am Ende seiner antisemitischen Artikelserie „Jüdisches und arisches Schach“ (1941) als seinen würdigsten Nachfolger:

„Von viel größerem Wert für die Weltschachgemeinde wäre es hingegen, wenn z.B. Keres oder Eliskases Titelinhaber werden würden. Und wenn der eine oder der andere sich als der Bessere erweist, würde ich dies ganz neidlos anerkennen. Wer aber ist der Bessere von den beiden? Keres hat einen recht anziehenden ´Morphy-Stil´, aber das Schach von Eliskases ist viel umfassender, erweckt den Begriff des wahren Weltschachs. Darf es wirklich als ein bloßer Zufall betrachtet werden, daß Eliskases den estnischen Großmeister sowohl in Semmering 1937 als auch in Buenos Aires besiegte?“

Man kann diese Aussagen nicht bloß als Gefälligkeit Aljechins gegenüber dem NS-Regime abtun, denn schon 1939 gab es von deutscher Seite, wie verschiedene Dokumente zeigen, das Projekt eines WM-Kampfes Aljechin - Eliskases für 1941.

Aber die Weltgeschichte machte den Ambitionen Eliskases einen dicken Strich durch die Rechnung: Genau während der Schacholympiade Buenos Aires 1939, an der die großdeutsche Mannschaft mit den zwei Österreichern Eliskases (Brett 1) und Albert Becker teilnahm (diese Mannschaft gewann den Bewerb nach vielen Hindernissen, da sich einige Länder weigerten, gegen Großdeutschland anzutreten, und daher einige Ergebnisse kampflos mit 2-2 gewertet werden mußten), brach der Zweite Weltkrieg aus. Die meisten Spieler, darunter Eliskases und Becker, konnten und wollten zunächst nicht zurückkehren, und die hoffnungsvolle Schachkarriere des Tirolers war damit vorerst beendet, da nun für etliche Jahre die Sorge um das Überleben in seiner neuen Heimat dominierte. Mit Simultanveranstaltungen und der Teilnahme an Turnieren schlug er sich so recht und schlecht durch. 1941, nach dem Turnier von Sao Paulo, blieb er in Brasilien und betätigte sich als Bridgelehrer. Der drohenden Ausweisung und Internierung (Brasilien hatte mittlerweile seine Kontakte zu Deutschland abgebrochen) entging er nur durch die Hilfe brasilianischer Schachfreunde, die ihn als Schachlehrer dauerhaft engagierten. 1947 fand er in Porto Alegre Anstellung in einem Großkaufhaus der deutschen Firma „Renner“ und als Schachlehrer des Firmenschachklubs. 1951 kehrte er wieder nach Argentinien zurück und wurde dauerhaft in Cordoba ansässig, wo, wie er sagte, er „einem netten Mädchen“ begegnete, das er am 17. 5. 1954 heiratete. Den Großmeistertitel erhielt er nicht 1950, sondern erst 1952, wie Bogoljubow, gegen den ja bekanntlich wegen seiner Tätigkeit für das NS-Regime Vorbehalte bestanden. Aber was war die Ursache des Zögerns der FIDE bei Eliskases? Nie hatte man ihm etwas vorgeworfen - hatte man ihn einfach vergessen?

Nach dem Krieg lebte die internationale Schachkarriere des mittlerweile argentinischen Staatsbürgers wieder auf: Nun war er jedoch „nur noch“ ein solider Großmeister. Er spielte in vielen südamerikanischen Turnieren bis in die siebziger Jahre mit mäßigem bis guten Erfolg, gewann sogar das Zonenturnier von Mar del Plata 1951 und wurde im Interzonenturnier von Saltsjöbaden 1952 Zehnter (auf dem Weg dorthin besuchte er erstmals wieder seine österreichische Heimat). Das beste Turnierresultat seiner südamerikanischen Periode war sicher der Sieg in Mar del Plata 1948 (+9=8-0) vor Weltklassespielern, wie Gideon Stahlberg, Miguel Najdorf und Laszlo Szabo. Erich Eliskases ist wahrscheinlich einer der ganz wenigen Spieler, der in seinem Leben für drei verschiedene Länder bei Schacholympiaden antrat: Für Österreich (1930-35), für Deutschland (1939) und für Argentinien (1952, 1958, 1960 und 1964), außerdem der einzige Österreicher, der drei Weltmeister schlug - Max Euwe, José R. Capablanca und Bobby Fischer.

1976 kam er mit Frau und Sohn nach Tirol, mit der Absicht, hier wieder seßhaft zu werden, und er spielte auch Schach - sogar für die österreichische Nationalmannschaft - aber schon nach ca. einem halben Jahr mußte das Paar wieder nach Cordoba zurückkehren, die Entwurzelung war zu groß, zudem vertrug seine Frau das rauhe Klima der Alpen nicht. In Cordoba verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens, das zuletzt durch Krankheit und Depression gekennzeichnet war. Sein schachliches Erbe in Form seiner ausführlich kommentierten Partien, deren Publikation ihm in den letzten Lebensjahren ein großes Anliegen war, vermachte er einem Wiener Schachfreund.

War Eliskases nun ein „Opfer des Zweiten Weltkriegs“, wie die österreichische Schachzeitung „Schach Aktiv“ im März 1983 titelte oder vielmehr ein Nutznießer und Erfüllungsgehilfe des NS-Regimes? Welche Rolle spielte er, welche Rolle kam dem Schachspiel im NS-Regime zu? Schwierige, aber drängende Fragen, die im Gegensatz zur Musik oder Literatur im NS-Regime für das Schachspiel ungeklärt sind, ja noch nicht einmal gestellt wurden.